Andreas lernt wieder zu laufen • Im Verlauf des Lebens lernt der Mensch vieles und unterdrückt es gleichzeitig wieder

Andreas lernt Laufen • Zuerst lernen wir und danach unterdrücken wir uns selbst

Der Slider ist zu schnell für diese Texte? Papier ist geduldig.

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Ideen für alle

Kapitel 15 • Was mus ich tun, damit ich langfristig kreativ sein kann?

Auszug aus dem Kapitel 15

Phantasie – sich aus den Dingen etwas machen

Andreas pinselt Kreativität

 

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Scheiße muss nicht schmecken, nur weil Millionen Fliegen anderer Meinung sind.

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Unsere Quelle – die Problemdefinition

Andreas bohrt Quellen an > Zitat nselm Grün

Zeit, die wir nutzen – oder eben nicht

Zeit, die wir nutzen – oder eben nicht

Unser Treffen mit Sebastian Krumbiegel

Ein Interview, das mindestens zwei lang ist ;-)

Diesmal ist meine liebe Frau Diana für das Interview verantwortlich. Sie unterstützt mich damit großartig, denn es liegen ja noch 1.000 weitere Projekte auf unserem Tisch. Uns ist es sehr wichtig, intuitiv kreativ arbeitende Menschen ausfindig zu machen und ihre individuellen Arbeitssituationen unter die Lupe zu nehmen. Gerade in der Musikbranche scheint sich diese kreative Gruppe zu manifestieren, denn wer einmal eine Tonleiter 10.000 mal gespielt hat, ist in der Lage, diese ganz intuitiv innerhalb eines Konzerts oder eine andere Gelegenheit, abzurufen. Und genau das brauchen wir für unsere intuitive kreative Lebenshaltung.

Besonders gespannt waren wir auf das Treffen mit Sebastian. Als Frontmann von »Die Prinzen« bekannt, tourt er derzeit durch unser Land unter dem Motto: »Ein Mann, sein Klavier und Ihr«

Sebastian empfängt uns mit einer herzlichen Umarmung.

Diana:

Wir empfangen immer wieder Firmenlenker, aber kommen fortwährend auf Musiker zurück. Chefs haben immer ihren Plan. Sie wissen weit voraus, was sie Kreatives tun werden. Aber der Musiker gehört für uns zu den kreativsten Menschen der Welt, denn das meiste, was er auf einer Bühne tut, ist intuitiv. Er steht einfach so auf der Bühne und musiziert. Ganz intuitiv. Er muss noch dazu schauen, wie reagiert eigentlich das Publikum? Also eigentlich ganz anders als in der kreativen industriellen Welt.

Andreas:

Ich dachte vor vielen Jahren, dass der heilige Gral dort zu finden ist, wo die Kreativitätstechniken zu Hause sind und las Bücher über Bücher, um schließlich dorthin zu gelangen, wo wir uns heute befinden, nämlich in einem praktischen Gespräch mit einem praktischen Anwender.

Diana:

Du machst ja jetzt auch Deine Solo Tour, und du kombinierst das gerade mit der Tour von »Die Prinzen«, das stelle ich mir ziemlich stressig vor. Wann ist eigentlich euer letztes Album erschienen?

Sebastian:

2012

Diana:

Und jetzt macht ihr diese Kirchentour – korrekt?

Sebastian:

Ja, und wir arbeiten gerade schon wieder an einem neuen Album.

Wir waren – Beispiel Kreativität – auf Mallorca. Wir machen das schon seit ein paar Jahren so, dass wir uns an einem für uns kreativen Ort treffen und uns circa eine Woche wegsperren. Heute ist es nicht mehr so wie vor 20 Jahren, wo alle sieben ständig auch alles zusammen unternahmen. Wir lassen uns bewusst Freiräume. Jeder hat auch seine eigenen Projekte. Tobias schreibt z. B. seine Musicals und trommelt in anderen Bands, lebt teilweise in London. Ich verfolge mein Soloprojekt und habe nebenbei auch noch allerlei weitere Projekte. Ich glaube, dass das auch schon so ein kleines Geheimnis unserer Kreativität ist. Wir lassen uns gegenseitig genügend Freiräume.

Kannst Du Dir vorstellen, wenn man sich dann ein gemeinsames Zeitfenster setzt, ganz ohne Termine, ohne Telefon und zuerst einmal in Richtung Sonne unterwegs ist?

Wir haben viel miteinander unternommen, viel geredet und waren ganz nebenbei ziemlich kreativ. Wir haben in einer Woche acht Songs geschrieben. Ich denke, dass unsere Kreativität durch unsere zielgerichtet gesetzten freien Rahmenbedingungen zumindest begünstigt wird. Eine Garantie dafür gibt`s zwar nicht, aber diesmal hat es wunderbar funktioniert. Mit den Jahren ist es ganz wie in einer engen persönlichen Beziehung. Nachdem die erste große Liebe vorbei ist, muss man sich etwas überlegen. Du musst da schon bewusst etwas machen – einfach auf die Muße zu warten genügt leider nicht!

Fleiß gehört auch dazu. Ich habe z. B. zu Hause in meinem Keller ein kleines Studio, in das ich gehe und in dem ich einfach Songs komponiere. Es wird nicht alles cool, aber von zehn Songs sind vielleicht drei dabei, die einfach geil sind.

Diana:

Du schreibst die Texte und komponierst die Musik dazu?

Sebastian:

Gerade das letzte Album, was ich gemacht habe und jetzt im April herausgekommen ist, da sind wirklich nur Songs drauf, die im letzten Jahr entstanden sind. Meisten Teils habe ich sogar während der Tour geschrieben. Diese Zeiten sind für mich inspirierend, da ich viel mit individuell eingestellten Menschen spreche. Ich kann hören, welcher Song durch welche Begebenheit inspiriert wurde. Einfach tun – herumsitzen führt da zu keinen kreativen Ergebnissen.

Diana:

Wie gehst Du vor, wenn Dir Ideen während der Tour in den Kopf springen?

Sebastian:

Ganz einfach – das meiste schreibe ich mir einfach auf. Papier und Stift sind meine ständigen Begleiter. Na klar ist es heute auch möglich, das Handy zu nutzen und die Dinge einfach einzutickern oder einzusprechen, aber ich bin da ziemlich altmodisch eingestellt und brauche einfach die Haptik, das Schreiben. Ich muss sehen, wie das kreativ auf`s Blatt läuft.

Ich laufe einfach mit offenen Augen durch die Welt, schnappe hier und dort Wortfetzen auf und bastle – und da finde ich Euren Titel des Buchs ganz gut – die Perlen einfach intuitiv aneinanderreihen, so, dass etwas größeres entsteht, das ist ganz meine Lebenseinstellung.

Andreas:

Nun kommt eine wichtige Standardfrage: Hast Du auch einmal eine Kreativkrise? Was tust Du in solchen Augenblicken?

Sebastian:

Klar hab` ich auch mal so etwas. Es gibt die klassische Schreibblockade. Da fällt mir ein gutes Beispiel ein. Ich habe letztens einen schönen Kinofilm gesehen. Den kann ich Euch wärmstens empfehlen. Er heißt »Ohne Limit« und stammt – glaube ich – aus dem Jahre 2011. Es geht um einen Kreativen, der in genau solch eine Situation gerät. Man sagt ja, dass wir Menschen nur einen geringen Teil unseres Denkapparates bewusst nutzen und der gigantische Rest einfach unbewusst für uns bleibt.

Dieser Kreative trifft jedenfalls auf jemanden, der ihm eine Pille anbietet, eine Droge, die es ermöglicht, diesen gesamten Schatz auf einmal zu heben. Er nimmt die Pille und wird auf der Stelle hyperkreativ, schreibt sofort seinen Roman zu Ende, der schon Ewigkeiten in der Ecke liegt. In diesem Prozess geht er täglich zu seiner verwunderten Verlegerin und präsentiert immer neue Seiten, die in Rekordzeit entstehen, und es funktioniert sozusagen ganz einfach. Natürlich wird das alles ganz tragisch, Mord und Totschlag passieren, Drogenkram und was-weiß-ich passiert, aber kurzum, wenn Du das Potenzial gezielt anzapfen kannst, dann sprudelt alles intuitiv und niemand kann es halten.

Andreas:

… aber das hört sich nicht gerade nach einem Happy-End an. Dann kann ich diesen Film leider nicht ansehen ;-)

Sebastian:

Insofern gab es ja fast ein Happy-End, indem aufgezeigt wird, was möglich ist.

Andreas:

Anstatt solch einer Pille erheben wir doch lieber einmal unser inspirierendes Glas voll Cola – oder?

Sebastian:

(hebt sein Glas – ganz vorbildlich mit Apfelschorle gefüllt)

Ihr geht jedenfalls zu unserem ersten Konzert, in Tangermünde, am 26. August. Die Karten waren blitzschnell ausverkauft, darum gibts`s gleich am Freitag, 29. August ein Zusatzkonzert.

Andreas:

Genau – welch eine Ehre!

Diana:

Ja – am 29. kommen wir und freuen uns schon sehr darauf! Da winke ich dann also einmal aus dem Publikum ;-)

Sebastian:

lol ;-) lacht laut los

Andreas:

Zurück zum kreativen Thema – Du bist ein Multitalent, spielst unzählige Instrumente, bist vielseitig engagiert – welche Träume und Visionen hast Du noch so? Vor allen Dingen warum und wann übernimmst Du die Weltherrschaft?

Sebastian:

Ich find`s erst einmal total cool, dass ich seit über zwanzig Jahren Musik machen darf und damit zuerst einmal meinen Lebensunterhalt bestreiten darf. Das ist keineswegs normal. Ich kenne viele, bei denen das halt leider nicht so ist. Wir hatten damals einfach das Glück, die richtigen Leute zu treffen und dass es mit dieser kreativen Glückssträhne weiterging. Ich selbst habe für dieses Jahr noch total coole Pläne. Ich fahre z. B. mit der Queen Mary II von Hamburg über South Hampton nach New York. Auf dieser geschichtsträchtigen Fahrt führe ich mit zwei Journalisten Gespräche. Es handelt sich um ein Entertainmentprogramm, bei dem ich beispielsweise über fünfundzwanzig Jahre Mauerfall spreche, abends Klavierkonzerte gebe und fahre ganz nebenbei genau die Route ab, die die Immigranten nahmen, die damals nach Amerika fuhren. Danach bleibe ich noch einige Zeit dort, fliege durch die Lande und gebe Konzerte in kleinen Clubs. Das ist für mich so ein Highlight, in dem ich kreativ glühen werde. Ich freue mich schon sehr darauf. Es handelt sich um die Titanic-Route, auf der wir unterwegs sein werden.

Andreas:

Dann pass` bitte auf Eisberge auf!

Sebastian:

lacht

Dann fahre ich zu Udo Lindenberg. Er beginnt im Juni seine Tour. Anfang des Monats besuchte ich ihn am Timmendorfer Strand. Dort probt er zur Zeit mit seinem Panik-Orchester. Ich war zwei Tage bei den Proben und das war ein tolles Erlebnis für mich. Quasi ein Privatkonzert. Er gibt jetzt Konzerte in Köln, Düsseldorf und Leipzig – dort im Stadion, also wirklich richtig großes Kino – dort werde ich als Gast mit auf die Bühne springen und ein Lied mitsingen. Das kam ganz und gar ungeplant und so etwas gefällt mir sehr gut. Ich habe einfach angerufen. Das geschah also auch nicht ohne Zutun – man muss einfach einmal etwas machen und sich kümmern.

Diana:

Man muss die Perlen also sehen und einfach zugreifen. Es wäre doch auch ziemlich langweilig, wenn Du Dein Leben bis 60 durchplanst und im Vorhinein genau weißt, was passieren wird.

Sebastian:

Genau! Vor fünf Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal so viele Solokonzerte geben werde. Es sind kleine Locations und das macht mir besonderen Spaß, denn du bist ganz nah dran an den Leuten; deren Feedback ist auch total inspirierend. Wenn ich nachts ins Hotel komme, reflektiere ich bestimmte Augenblicke und halte sie wieder fest. Ganz konventionell mit einem Stift auf Papier.

Übrigens ist Lindenberg ein echtes Vorbild für mich. Er ist ein Meister, was seine Musik betrifft, was seine Texte angeht und ganz besonders seine authentische Haltung. Er ist einfach auch kein strominienförmiger Typ, der sich anpasst. Er transportiert etwas.

Diana:

Wofür hast Du Dein Bundesverdienstkreuz erhalten?

Sebastian:

Für »Bürgerschaftliches Engagement«, also für alle möglichen Dinge, die ich so nebenbei tue. Wir machen hier in Leipzig beispielsweise solch ein Festival, das heißt »Courage zeigen«, bei dem wir Nazis vor sechzehn Jahren vertrieben haben. Ich mache viele Dinge und ich tue sie, weil`s mir einfach auch Spaß bereitet. Das finde ich äußerst wichtig. Kreativität funktioniert bei mir nach dem Lust-Prinzip. Es ist wie in der Schule – ich interessierte mich damals für Musik, Englisch und Deutsch. Dort war ich gut, da hatte ich Einsen. Chemie und Mathe und überhaupt diese Naturwissenschaften interessierten mich nicht. Ich denke auch, dass es gerade in der Schulbildung nicht so sein sollte, dass man alle Menschen über einen Kamm scheren sollte. Man sollte zuerst einmal herausfinden, wo die Stärken eines jeden Menschen eigentlich liegen. Dort ist er gut und dort wird er auch immer gern sein und beste Leistungen abliefern. Jeder kann irgend etwas besser als ein anderer! Du wirst niemals einen Musiker aus einem Menschen machen, der sich nicht wirklich für Musik interessiert und das gern tut. Und Du wirst aus einem Musiker nicht einen Naturwissenschaftler zaubern, wenn er sich nicht wirklich dafür interessiert. Du musst das in Dir finden, was Dir Spaß macht. Gerade als Kind – über unser Schulsystem können wir uns hier echt streiten. Hier wird getrennt, dort stillgelegt, das hier sind die Guten und dies hier die Schlechten …

… da vergeben wir uns sehr große Chancen. Für uns alle.

Das sage ich meinen Kids auch. Findet, was euch richtig Spaß bereitet, denn damit müsst ihr einmal euer ganzes Leben lang klarkommen. Macht es einfach mit Spaß und dann werdet ihr es gut machen.

Es hat keinen Sinn zu sagen, dass ich dieses oder jenes studieren werde, weil es Geld verspricht – damit wirst du langfristig gesehen unglücklich sein, denn irgendwann denkst du: »Was mach` ich denn hier für eine Scheiße?«

Für mich ist es ein Privileg, Musik zu machen. Ich habe meine Vision seit dem fünfzehnten Lebensjahr durchgezogen. Auch gegen den Willen meiner Eltern, denn sie sagten: »Junge, lern` du erst einmal etwas Vernünftiges!«

Natürlich habe ich auch großes Glück gehabt, aber ich glaube fest dran, dass man, wen man etwas wirklich will, bekommt man das auch gebacken.

Andreas:

Ich musste einmal Schlosser lernen und fühlte mich dabei, wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Ich wollte immer etwas Kreatives tun, habe damals schon T-Shirts bemalt, mir aus Haarlackzerstäubern eine Airbrush gebastelt. Zum Glück kam die Wende und ich wurde als Jüngster gleich entlassen. Welch ein Glück für mich! Ich nahm spontan das erste Angebot einer Werbeagentur an.

Sebastian:

Das finde ich spannend – so auf Knopfdruck kreativ zu sein, muss doch auch eine ziemliche Herausforderung gewesen sein – oder?

Andreas:

Ach – ich habe live gelernt, wie erfinderisch Not macht und habe das auch noch an unzähligen Beispielen der Geschichte nachverfolgen können, dass das einfach so ist. In der Nachkriegszeit wurde aus Erdöl schnell einmal ein Butterersatz entwickelt. Fritz Fend entwickelte ein Drei-Liter-Auto, lange vor dem PR-bekannten Drei-Liter-Auto.

Diana:

Da sind wir beim Thema. Kinder werden meiner Meinung nach in der heutigen Schule nur ungenügend gefördert. Unsere Tochter ist gerade 12 Jahre alt und wir durchleben gerade diesen übergroßen verkrusteten Bildungsbaukasten.

Sebastian:

Kinder sind ja, wenn diese auf die Welt kommen, erst einmal total kreativ. Sie verfügen von sich aus über eine Phantasie, die schulisch zuerst einmal sehr eingegrenzt wird. Was Kinder alles sehen …

… sie sind offen und absolut unverdorben.

Andreas:

Da gibt`s so eine Metapher: Der Mensch kommt auf die Welt, ist neugierig, lacht, brabbelt und bewegt sich …

… und dann kommt`s in die Schule, muss still sitzen und den Mund halten.

Diana:

Ich las kürzlich in einem Buch eine interessante Geschichte von einer Begebenheit eines Kindes mit seiner Mutter. Das Kind war kurze Zeit allein im Haus, nahm sich Pinsel und Farbe und bemalte die Küchenfliesen ganz bunt und natürlich überall. Als die Mutter nach Hause kommt und das Werk betrachtet, meckert sie das eben noch Freude strahlende Kind an …

… und das Kind malte nie wieder im Leben. Das ist doch eine sehr traurige Geschichte.

Sebastian:

Das ist es! Ich bin ein großer Freund von Schulen, in denen Kreativität vermittelt wird. Die gibt es. Leider sind sie nicht überall anerkannt.

Diana:

Dein Treffen mit dem Dalai Lama interessiert mich noch. Also das ist für mich so eine bewegende Persönlichkeit. Wir haben begeistert viele Bücher über ihn gelesen. Wie kam es zu diesem Treffen?

Sebastian:

Es handelte sich wiederum um einen Zufall. Ich wurde gefragt, ob ich bei dem Termin des Dalai Lamas in Berlin Musik machen möchte. Dann habe ich das gemacht und ich habe ihn getroffen und es machte »Bang!« in meinem Kopf. Ich bin kein besonders religiöser Mensch, das muss ich sagen. Ich bin christlich erzogen, dann aber wiederum aus bestimmten Dingen wieder ausgetreten. Aber ach – wenn wir jetzt über Religionen reden wollen, ist das sehr schwierig für mich, da es so viele Dinge, die allgemein bekannt sind, jedoch geschichtlich anders aufgearbeitet zu finden sind und da gibt es sehr viele Beispiele. Bei allem Scheiß, der so passiert ist, ist mir wichtig, dass sich eine Religion nicht allein über alle anderen Religionen und damit alle anderen Menschen stellt. Der Dalai Lama versprüht zuerst einmal Friedfertigkeit und man bemerkt seine Botschaft, menschenverbindend zu wirken und eben nicht als alleinige Herrschaft wirken zu wollen.

Ausschließen bedeutet ausgrenzend zu sein, und das lehrt uns ja die Geschichte, welch schreckliche Dinge daraus resultieren können. Kriege sind oftmals religiös motiviert – nun kann man behaupten, dass die jeweilige Religion an dieser Stelle missbraucht wurde, aber ich sehe das in sich als sehr problematisch an.

Andreas:

Krieg ist ein Stichwort für mich. Die Menschen scheinen überaus kreativ darin zu sein, sich selbst vernichten zu wollen. Wir haben Hunger, Armut, Bildung, Überbevölkerung, Energie, Umweltverschmutzung und viele weitere Dinge in keinster Weise auch nur ansatzweise auf dem Schirm oder gelöst, aber sind Experten darin, unsergleichen umzubringen. Wie siehst Du das?

Sebastian:

Viele Erfindungen werden ja erst durch das Militär finanziert. Es gibt ja alle möglichen Geschichten über den Missbrauche von Erfindungen, die eigentlich zum Wohle der Menschheit erschaffen wurden und trotzdem missbraucht wurden. Mit einem Streichholz kannst Du ein wärmendes Lagerfeuer am Zeltplatz anzünden oder einen ganzen großen Wald verbrennen. Wenn Du die Elektrizität entdeckst, kannst Du sie gut oder eben auch schlecht nutzen. Das Thema ist – so glaub` ich – äußerst schwierig zu beurteilen.

Andreas:

Kommen wir wieder zurück zu positiven Themen. Wie beurteilst Du den Einfluss, den Musik auf kreativ Schaffende ausübt?

Sebastian:

Ich glaube, dass Musik ein wichtiger Bestandteil z. B. einer kreativen Kindheit ist. Wir sangen in frühester Kindheit täglich zwei Stunden lang Musikstücke von Johann Sebastian Bach. Und das ohne Pause. Das macht etwas mit Dir. Man liest darüber, dass das neuronale Netz unseres Gehirns sich durch den Einfluss von Musik besser vernetzt, die Gehirnhälften lernen, besser miteinander zu kommunizieren und so weiter.

Andreas:

Ok. – Du hast durch das Nachspielen gelernt, bereits erschaffene Kunst wiederzugeben. Das tust Du über viele Kanäle – Deine Stimme, ein Klavier, ein Schlagzeug etc. – aber wann und wie genau passiert es, dass Du ganz neue, Deine eigenen Klänge und Worte im Kopf hörst und diese aufschreibst?

Sebastian:

Alles, was Du liest und alles was Du hörst und sonst noch aufnimmst, spielt genau in dieses Thema hinein. Ich ertappe mich beispielsweise oft dabei, wenn ich ein Lied gemacht habe und gerade fertig damit bin, mich zurücklehne und es noch einmal anhöre. Dann denke ich: »Oh – das klingt ja wie ein Stück, was ich schon einmal komponier habe oder wie das von diesem oder jenem. Man hat ja auch seinen eigenen Stil entwickelt. Ich höre das auch bei anderen. Harmonie- oder Melodiewendungen, Sounds, wie beispielsweise bei Oasis entnimmt man einfach, dass Noel Gallagher ein großer Beatles-Fan ist, da die Songs ja auch den Beatles ähnlich klingen, was ich als überhaupt nicht schlimm empfinde, denn wir können die Musik nicht neu erfinden. Es gibt 12 Halbtöne und soundso viele Wörter und das musst Du durcheinanderwirbeln und trotzdem etwas Eigenes erschaffen. Und dann ist es cool, wenn Du Deinen eigenen Sound hast, auch wenn Grundlagen von Bach oder den Beatles gelegt wurden.

Diana:

Spielst Du nach Noten? Andreas macht auf mehreren Instrumenten Musik und es hört sich für mich jedenfalls ganz gut an. Er kennt jedoch keine einzige Note.

Sebastian:

Da ist mein Sohn ein gutes Beispiel. Er ist jetzt achtzehn Jahre alt. Seit er sechs ist, schicken wir ihn zur Musikschule. Dort übt er das Klavierspielen und er hatte nie so richtigen Bock auf irgendwelche Etüden oder irgendetwas, wo Du einfach keinen Spaß findest. Bei ihm sahen wir ein ähnliches Phänomen, wie bei mir. Er mochte Noten nie so sehr, aber wenn ihm die Klavierlehrerin das einmal vorgespielt hatte, dann konnte er es. Vor vier oder fünf Jahren haben wir einen Lehrerwechsel angestoßen und er erhält nun Unterricht bei einem Lehrer, der eher nach Leadsheats oder Harmoniewechseln übt. Hier blüht er auf. Bei mir ist es so, dass ich bei vorgelegten Noten völlig erschossen bin. Ich könnte das unter höchster Anstrengung herausfinden, aber das ist nicht mein Style. Ich bewundere es, wenn Menschen genau das können, wenn sie sich vor solch eine sechzehnstimmige Partitur setzen und vom Blatt weg losspielen.

Zu meinem Sohn sagte ich jedoch immer, dass ich Noten als nicht wichtig empfinde. Mein größtes Argument war immer, dass Steve Wonder und Ray Charles keine Noten lesen können.

Diana:

lacht

Sebastian:

Sie machen das intuitiv, ganz nach Gehör.

Ich bin erstaunt von eben diesen vorher genannten Klassik-Crackz, die totale Virtuosen auf ihren Instrumenten sind, wenn ich sie auffordere, etwas vorzuspielen und dann zu hören bekomme: »Kann ich leider nicht, weil ich gerade keine Noten habe«

Andreas & Diana:

lachen

Sebastian:

An solchen stellen des Lebens denke ich dann immer, dass da etwas komisch ist. Es gibt da wahrscheinlich verschiedene Herangehensweisen. Die einen tun es so und die anderen eben anders. Jedoch ist es in den seltensten Fällen so, dass jemand beides kann.

Klassiker können oft schlecht improvisieren. Sie brauchen immer einen klaren Fahrplan und eine Vorlage. Sie sind großartige Virtuosen und auch anderweitig bewundere ich sie, aber improvisieren können sie nicht. Das kann ich aber. Nur das.

Andreas:

Ich habe einmal gelesen, dass ein Musiker eine Tonleiter ca. 10.000 Mal spielen muss, damit sie in seinem Unterbewussten verankert wird. Damit ist er in der genialen Lage, diese intuitiv abrufen zu können. So sehen wir Konzerte von Jazzmusikern, die ihre Augen geschlossen halten, während sie eine Klaviatur oder eine Gitarre oder einen Bass bespielen und einfach nur das Kreative fließen lassen. Sie benötigen keine Notenblätter mehr.

Sebastian:

Ich übe. Und das jeden Abend. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich jeden Abend sogar vor Publikum üben darf. Ich bin bestimmt kein Virtuose, aber ich lerne ständig dazu. Die Situationen sind auch immer etwas anders. Der Spaß kommt beim Tun und das ist das Allerwichtigste für mich. Dabei entwickle ich mich.

Andreas:

Ich möchte noch einmal an Deine Planungsweise – oder Nicht-Planungsweise anschließen. Ich habe viele Jahre eine Firma aufgebaut mit mehreren Angestellten, richtig groß geplant und langfristige, mittelfristige und kurzfristige Ziele gesteckt. Wir haben sie sogar in Form von Digitaldrucktafeln an unsere Wand gehängt. Und nach zehn Jahren macht es »Klick!« in meinem Kopf und ich frage mich, wo die Zeit geblieben ist. Das war ein Punkt in meinem Leben, an dem ich mich gefragt habe, welchen Sinn es macht, wieder einen solchen Plan an die Wand zu heften, weil ich Angst hatte, dass noch einmal zehn wertvolle Jahre einfach so vergehen könnten. Dann wären das nämlich schon zwanzig Jahre. Also habe ich solch einen Fahrplan für mich abgelehnt. Ich lebe sozusagen über große Strecken eigentlich einfach in den Tag hinein, weil ich denke, dabei offener für Neues zu sein, was sich zwangsmäßig auch immer wieder bestätigt, denn sonst würde ich nicht gerade mit einem Sebastian Krumbiegel hier in Leipzig zusammen sitzen.

Sebastian:

lacht

Andreas:

Wie wichtig ist Dir der Augenblick, der Tag, die Stunde?

Sebastian:

Ich find`s überaus cool, wenn etwas so läuft, wie jetzt gerade.

Diana:

Wie steht Du neuen Technologien gegenüber. Sind sie kreatives Hilfsmittel für Dich oder eher behindernd?

Sebastian:

Ach Du siehst ja hier mein digitales Büro vor mir liegen.(deutet auf sein Handy) Es beinhaltet alle Telefonnummern, kann sich alle Namen merken und hilft mir noch dazu, wenn ich einmal etwas über dies oder jenes wissen möchte. Das ist schon großartig in Bezug zu Zeiten von vor zehn Jahren. Hier steckt fast das ganze Wissen der Menschheit drinnen …

(nimmt sein Handy in die Hand und hält es hoch)

… frag` mich nach irgend einer chemischen Formel oder wie irgend ein wichtiger Wissenschaftler heißt und ich sage es Dir in Sekundenschnelle. Ist das nicht fantastisch?

Zugleich macht es uns aber denkfaul, meine ich. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich Dinge google, die ich eigentlich bei näherem Nachdenken aus meinem Gehirn leicht abrufen könnte. Und das bereitet mir wiederum Angst. Ich bin kein Maschinenstürmer oder so, aber finde, dass man darüber nachdenken sollte.

Der Einsatz der neuen Techiken kann kreativitätstötend oder auch fördernd sein. Wie wir vorhin schon sagten. Man kann etwas gut oder eben nicht vorteilhaft nutzen. Ich bin kein Reißbrett-Typ. Ich nutze die Chancen des Lebens. Ich weiß nicht, wie andere das tun, aber ich tue alles von mir heraus, authentisch. So, wie meine Songs gestrickt sind und so, wie ich sie vortrage. Es gibt Leute, die gehen da anders heran und leben sich in Rollen hinein, die ihnen nicht passen. Aber so bin ich eben nicht.

Diana:

Aber genau das macht Dich langfristig erfolgreich und ich darf sagen, auch sehr sympathisch! Du wirkst wirklich ganz normal, als wenn man Dich kennen würde.

Sebastian:

lacht

Andreas:

Erfolge sollen ja solche Kicks im Kopf auslösen, die das Gehirn bestimmte Hormone ausschütten lassen und uns glücklich machen. Du als Musiker bis ja jeden Abend schon beim ersten Feedback Deines Publikums daran gekoppelt. Ist da etwas dran?

Sebastian:

Wenn Du auf die Bühne gehst, ist es schon cool, wenn Du bejubelt wirst. Du wächst daran. Robby Williams hat einmal eine Platte genannt: »Sing When You’re Winning«. Da ist viel Wahres dran. Wenn Du etwas Gutes zauberst und die Leute finden es toll, dann bekommst Du diese Energie durch das Feedback vom Publikum zurück. Damit wächst Du unheimlich über Dich hinaus. Du wirst noch besser und noch überzeugender. Das ist eine positive Spiralwirkung. Die Kehrseite ist, dass es natürlich auch in die andere Richtung gehen kann. Wenn Du es genau nimmst, passiert das bereits, wenn Du die Bühne erfolgreich verlässt. Dann gehen alle nach Hause und Du bleibst eigentlich allein. Es wird ruhig um Dich herum. Das kann für einige auch schon immer die Kehrseite bedeuten. Und diese ist permanent da. Einer Dokumentation über das Schaffen von Depeche Mode habe ich einmal entnommen, dass die Drogengeschichten der Mitglieder genau darauf fußten. Du musst nach einem Auftritt vor Zigtausenden Menschen erst einmal herunterkommen. Auch vor Hundert Leuten bin ich erst einmal auf Adrenalin und kann nicht gleich abschalten, in mein Hotelzimmer gehen und ein schöngeistiges Buch aufschlagen ;-)

Diana:

Hast Du auch heute noch vor Konzerten Lampenfiber?

Sebastian:

Ja, auf jeden Fall bin ich angespannt. Ich bin aber intuitiv eingestellt. Ich gehe authentisch auf die Bühne. Ich sehe das so, wie wir vorhin die Kinder gesehen haben. Jeder kommt auf die Welt und schreit erst einmal herum. Jeder kann erst einmal singen, bis zu dem Zeitpunkt, wenn ihm ein Erwachsener entgegentritt und sagt, dass er nicht singen kann. Begabung hin wie her, wird es gefördert, hat das Singen die beste Chance, erfolgreich etabliert zu werden. Das jahrzehntelange positive Feedback prägt Dich natürlich auch positiv, und das nehme ich einfach mit. Jedes Mal.

Andreas:

Aber wenn das Kind in die Schule kommt und eine Fünf erhält, ist die Motivation hin.

Sebastian:

Ja, zum Beispiel. Hier kommen wir wieder zu Deiner Mutter,

(sieht Diana an)

die ihr Kind ausschimpfte, weil es die Fliesen kreativ bemalte.

Andreas:

dieser Beitrag wird ultrainteressant, ultraverständlich, jedoch ultralang

Sebastian:

lacht

Andreas:

Wir machen einfach eine Serie daraus.

Sebastian:

lol

Diana:

»Ehrlichkeit« steht in unseren Unternehmensgrundsätzen ganz oben. Wir sagen zwar, dass dies einen schwierigen Weg bedeutet, aber wir können uns auf diesem Pfad jedenfalls jeden Tag aufs Neue im Spiegel betrachten ;-)

Sebastian:

lacht

Das ist wirklich die Herangehensweise an die Dinge im Leben. Du kannst hinter jedem Baum einen Feind vermuten, aber Du kannst dem Wald natürlich auch ganz aufgeschlossen gegenübertreten und einfach sagen, oh – das hier ist ja ein Wald, voll von Bäumen, die ich lieb haben kann, und umarmst diesen Wald erst einmal. Natürlich bemerkst Du auch, dass Dich Leute verarschen. Denen kannst Du nicht mehr vertrauen. Damit musst Du einfach umzugehen lernen und trotzdem versuchen, (wie gesagt) nicht hinter jedem Baum einen Feind zu vermuten.

Wenn Du einen Autounfall machst, solltest Du so schnell wie möglich wieder Auto fahren, das sagt Dir jeder Psychologe. Da ist viel Wahres dran. Ich finde, dass man immer erst einmal offenen Herzens auf die Leute zugehen sollte.

Diana:

Sebsatian – danke für den heutigen Termin. Hier kommen noch Tangermünder Spezialitäten!

(übergibt einen kleinen Präsentkorb)

Es war richtig cool mit Dir. Wir haben viel Input erhalten und werden das nun erst einmal aufarbeiten. Ich wünsche Dir alles Gute!

(umarmt Sebastian)

Andreas:

Von mir auch alles Gute, ich wünsche Dir immer viel kreative Energie in Deinen Adern und lass` uns noch ein Foto für unsere Leser machen …

Knips, lol, knips

Ende

Wer noch mehr über Sebastian erfahren möchte, den erwarten aktuelle Tourdaten, Bonusvideos und mehr unter folgendem Klick:

http://www.sebastian-krumbiegel.de

Sebastian Krumbiegel und Andreas Kunz

Ein Kommentar

  1. Ein sehr cooler Artikel!

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